Favoritenschreck Meuselwitz

Bei einem gefühlten Auswärtsspiel schlagen die ZFC-Kicker den HFC 1:0 und schocken 3000 Halle-Fans

Meuselwitz. Ja, der ZFC Meuselwitz hat im eigenen Stadion gespielt. Aber gefühlt haben sich die Schützlinge von Holm Pinder am Sonnabend wie vor fremder Kulisse. Denn zum Regionalliga-Kracher gegen den Spitzenreiter und Aufstiegsaspiranten Hallescher FC waren 3905 Zuschauer in die Arena gepilgert. Um die 900 Zipsendorfer Fans und 3000 von der Saale. Schier endlos schien die rotweiße Karawane. Klar: Mit einem Sieg, und davon gingen bei einem MDR-Voting 88 Prozent aus, würde Halle einen Spieltag vor Saisonende durch sein und hätte mit den euphorischen Fans beim Aufstiegsbierchen feiern können. Doch es kam anders, weil der ZFC 1:0 gewann und damit den Gästen die Feier verdarb.
Von Jörg Wolf
Manche Flasche Gerstensaft wurde bereits vor Anpfiff vor den Toren der Bluechip-Arena geleert: Sammler der achtlos liegengelassenen Mehrwegbehältnisse müssen sich Sonnabend gefühlt haben, als falle Ostern und Weihnachten auf einen Tag. Und drinnen: Voll war die Arena. Halles Anhang, optisch wie verbal deutlich im Vorteil, brachte erstmals den Ballfangzaun bedrohlich ins Wanken, als Markus Heim ans Stadionmikro trat. Welch vertraute Töne in der Fremde. Das war doch wirklich wie daheim in der Hallorenstadt, denn Heim ist Stadionsprecher in Halle. Und der sagte jetzt in Meuselwitz das HFC-Aufgebot an. Eine schöne wie gelungene Überraschung.
Halle begann wie die Feuerwehr und setzte Meuselwitz von der ersten Minute an unter Druck. Im Rund wurde nur noch darüber diskutiert, wann die Führung für den HFC fällt. Denn dass sie angesichts dieser in den ersten 20 Minuten vorgetragenen Überlegenheit des Favoriten fallen wird, stand für die meisten außer Frage. Angelo Hauck, Dennis Mast, Jan Benes, Rebelo Teixera - sie alle probierten sich aus, scheiterten aber am erneut genialen Meuselwitzer Schlussmann Norman Teichmann oder an der gut aufgestellten und immer ein Bein dazwischen bekommenden ZFC-Defensive.
Ein wenig erinnerte das Meuselwitzer Spiel an das Pokal-Halbfinale gegen Drittligist Erfurt. Hinten schön dicht machen und auf Konter warten. Und die fuhren die Hausherren schon im ersten Durchgang einige Male. Vor allem Sebastian Gasch, diesmal einzige Spitze, da Sebastian Latowski wegen seiner fünften Gelben Karte nicht spielen durfte, wirbelte ein ums andere Mal. Aber es blieb bis zur Pause torlos.
Nervosität bei Halles Anhang? Nein, nur eine leichte Gereiztheit, dass der HFC auch durch Ungenauigkeiten so wenig aus seinen vielen Chancen machte. Bis dahin verlebte auch das aufgefahrene Polizei-Großaufgebot unter der Führung des Altenburger Polizeichefs Andreas Pöhler einen recht geruhsamen Nachmittag. Die einzigen, die so richtig ins Schwitzen kamen, waren die Verkäufer an den Grillständen und Bierbuden. "Machen leckere Steaks hier", meinte ein Hallenser kauend. "Nimm erst einmal die Thüringer Roster", entgegnete sein Kumpel. Alles recht entspannt also.
Ziemlich cool kam auch Zipse gegen nun wild entschlossene Hallenser aus der Kabine. Das Bild glich jenem im ersten Durchgang. Halle marschierte, Zipse verteidigte und konterte. Und die Zeit lief und lief. Dann die 64. Minute: Gasch wirbelte sich herrlich frei und lief auf Halles Keeper Darko Horvat zu, der musste abprallen lassen, aber der gestolperte Gasch versuchte noch im Kriechen das Leder über die Linie zu befördern. Erst mit Sören Eismann und Patrick Mouaya gelang es dem Schlussmann, das Leder zu entschärfen. Jetzt war manch Fan aus Halle schon ein wenig blass um die Nase. Um in der 76. Minute dann noch zur Salzsäule zu erstarren: Gerade hatte der blonde Wirbelwind gezeigt, dass man ihn niemals etwas Leine geben darf. Gasch köpfte eine Flanke von Carsten Weis aus fünf Metern zur ZFC-Führung ein.
Bei den Fans kam nach dem Schock der Frust. Erste Rangeleien im Fanblock. Ein Anhänger, der verbotenerweise auf den Ballfangzaun geklettert war, stürzte und verletzte sich heftig am Arm. Es kocht. Aber es kochte nicht über. Fortan versuchte es Halle mit der Brechstange. Selbst Keeper Horvat ging mit nach vorne. Aber Zipses Abwehrbeton hielt bis zum Schlusspfiff des guten Schiris Christian Leicher aus Landshut in der 93. Minute. Der ZFC jubelte, die Hallenser fielen völlig enttäuscht auf den Rasen.
Auch die meisten Fans zog es schnell weg vom Ort der Niederlage. Nur einige waren noch auf Krawall gebürstet: Von außerhalb der Arena wurden Feuerwerkskörper auf den Rasen geschossen. Und die Polizei hatte einiges zu schlichten. "Aber insgesamt hielt sich alles im Rahmen", erklärte Pöhler. "Solche Rangeleien müssen leider einkalkuliert werden. Sonst gab es mit Ausnahme des Verletzten nur noch einen Zwischenfall: Ein Fan aus Halle kam wegen Widerstands gegen Polizisten vorläufig in Gewahrsam."
"Wir haben einfach das Tor nicht getroffen. Und sowas bestraft eine Mannschaft wie der ZFC", sagte Halles Trainer Sven Köhler. "Heute und vielleicht auch noch morgen sind wir enttäuscht. Aber dann werden wir uns vorbereiten für ein großes Spiel gegen RB Leipzig", kündigte er an. Holm Pinder: "Den Sieg sehe ich mit einem lachendem und einem weinendem Auge. Ich freue mich, dass meine Mannschaft vor dem Pokalfinale mit diesem Bigpoint so richtig Schwung geholt hat. Für den HFC tut mir es leid. Ein Klub mit so einem Potenzial und so einer Tradition gehört einfach in die dritte Liga Die ungünstigste Konstellation wäre jetzt, dass Kiel den Aufstieg schafft und die ganzen Traditionsteams aus dem Osten hängen in der Regionalliga fest."
ZFC: Teichmann - Kotowski, Müller, Ferl, Böhme (65. Weinert) - Riese - Starke, Weis (85. Schumann), Rudolph, Luck - Gasch (87. Kind).